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Endspurt Riester - Fehlkonstruktion oder Chance?

Riester - was genau ist das?

Aufgrund der Tatsache, dass die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) für dich und und alle anderen in keinem Falle ausreichend wird, wurde ein Produkt namens Riester-Rente kreiert, welche vom Staat gefördert wird. Die Bürger sollen durch die Förderung angeregt werden, etwas für ihre PRIVATE Altersvorsorge zu tun und werden vom Staat dafür belohnt. Du bekommst:

 

175 € pro Jahr für dich

+

300 € pro Jahr pro Kind

+ je nach Einkommen zusätzliche Steuervorteile (in Summe bis zu 42% Förderung bei zu versteuerndem Einkommen von ca. 55.000 € Jahresbrutto)

 

Da der Staat dir natürlich nicht unendlich viel schenken kann, ist der Riester gedeckelt auf 175 € pro Monat/2.100 € im Jahr. Daher würde z.B. ein Single (ohne Kinder) für die optimale Förderung den krummen Betrag von 160,42 € im Monat besparen. Hat er jetzt noch ein gutes Einkommen wird die Steuerlast noch vermindert, sodass er effektiv vielleicht selbst nur 100 € investiert, aber jeden Monat 175 € für ihn angelegt werden.

 

Die genaue Förderquote kann dir dein Steuerberater berechnen, da es hier noch ein paar Feinheiten gibt (z.B. ist die steuerliche Ansetzbarkeit erst ab 2025 bei den vollen 100%, in 2021 noch bei 92%). 

Riester im Beratungsalltag

Wirft man einen fachlichen Blick auf so manche mediale Berichterstattung zum Thema Riester, in dem das Produkt oft kritisiert oder gar als Fehlkonstruktion angesehen wird, muss man schon häufig erst einmal Grundlagen-Aufklärung betreiben. Ja, das Produkt ist nicht einfach zu verstehen, das wäre z.B. ein Kritikpunkt, den ich selbst anbringen würde. Genauso ist es ja eigentlich fies, dass Besserverdienende dann noch zusätzlich gefördert werden, da diese meist die Finanzkraft haben, überhaupt ausreichende Sparraten für die private Altersvorsorge leisten zu können.

 

Im Beratungsalltag ist aber ganz häufig der Riester (wenn man einmal die Förderquote ausrechnet) eines der ersten Bausteine für die private Altersvorsorge und bietet für die Person, für die der Riester passt, einen außerordentlichen Mehrwert! Besonders im Hinblick auf ein ganzheitliches Finanzkonzept, in dem man alle Vor- und Nachteile der 3 Steuerschichten begutachtet und prüft, wo das meiste für den Kunden an Boni und Vorteilen heraus zu holen ist. Nicht pauschal für alle macht Riester Sinn. Aber vielleicht ja für dich? Das Problem ist eher, dass uns die Zeit davon rennt: Denn lange wird es den Riester so, wie wir ihn jetzt kennen, möglicherweise nicht mehr geben.

 

Was passiert aktuell bei den Riester-Versicherern?

Bereits seit Anfang 2021 haben sich schon ein paar Riester-Anbieter (vorerst) aus dem Markt zurück gezogen. Darunter z.B. die Condor, die zum April 2021 die Möglichkeit für Kunden, Anträge einzureichen, ausgesetzt hat. Weitere werden kommen, andere (die es sich leisten können und wollen) planen bis Ende des Jahres offen zu bleiben. Doch die Möglichkeit besteht auch, dass dir vielleicht schon vor dem 31.12. die Tür vor der Nase zuschlagen werden könnte.

 

Grund für die Vorsicht und den teilweise vorzeitigen Rückzug der Versicherungen ist die vom Gesetzgeber verlangte 100%-Beitragserhalt-Regel. Da die neuen Höchstrechnungszinsen für das kommende Jahr noch mieser aussehen, wird es eine Herausforderung für die Gesellschaften, den Beitragserhalt auch zu erfüllen. 

Für die einen sind es schwierige Zeiten, für die anderen sind das Chancen, ggf. noch zeitnah einen der "alten" Verträge mit 100% Beitragserhalt zu ergattern!

 

Warum hat Riester denn überhaupt so einen schlechten Ruf? Ist er wirklich eine Fehlkonstruktion?

Meine Kritikpunkte am Riester sind:

  • Weder einfach noch leicht verständlich: Das Thema ist wirklich komplex, da es ja z.B. 2 Arten der Zulagen gibt. Die einen fließen direkt über das Zulagenamt in deinen Vertrag, die anderen erhältst du über die Steuer wieder. Das ändert an den hohen Förderungen nichts, ist aber etwas verwirrend.
  • Gutverdiener werden noch mehr belohnt (Positivpunkt wenn du selbst Gutverdiener bist): In der Beratung für Gutverdiener, die z.B. ein Bruttojahreseinkommen ab 45.000 € oder höher haben ist das gut, aber letztlich schon ein bisschen am eigentlichen Ziel vorbei, wie ich finde. Wenn Riester für diejenigen in der Bevölkerung erschaffen wurde, die wirklich gar keine Altersvorsorge haben und wenig Finanzkraft, dann macht es eigentlich keinen Sinn, die Gutverdiener auch noch mit zu fördern. Von daher ist es ja doch irgendwie eine Fehlkonstruktion?
  • Vergleichbarkeit für Kunden schwer: Es gibt ja verschiedene Modelle, z.B. Riester im Versicherungsmantel, als Fondssparplan oder als Wohnriester. Da dies vom Grundkonstrukt andere Produkte sind, macht es das für Kunden unglaublich schwer alleine zu vergleichen. Daher ist man letztlich auf einen Fachmann/frau angewiesen. (Gut für mich, aber nicht so gut für die Kunden)
  • Kosten, Kosten und nochmals Kosten! Das hört man auch häufig in den Medien, dass die Kosten die Gewinne verzehren. Schaut man sich die 50% schlechtesten Gesellschaften am Markt an, so stimme ich da voll und ganz zu. Es gibt allerdings auch sehr preiswerte und effiziente Gesellschaften, daher ist die Wahl der Gesellschaft einfach so entscheidend. 
  • Falsche Nutzung wird nicht verhindert, z.B. 5 € Riester mit 2 € Kosten ist ineffizient: Wenn man einen Riester abschließt und keine Ahnung hat, wie er funktioniert, dann führt das häufig dazu, dass er falsch genutzt wird. (Beispiel: Du kaufst dir ja auch keinen Sportwagen um 1 Meter im Monat zu fahren, das wäre ineffizient. Ähnlich "falsch" machen es hier aber leider viele auch.)
  • Eingeschränkte Flexibilität: Förderung muss zurück gezahlt werden, wenn "förderschädliche Verwendung" vorliegt. Wenn du das Geld für dich selbst nutzt, alles gut. Auch deine Familie kann dein Geld + das Geld vom Staat förderunschädlich in Obhut nehmen, wenn du z.B. verstirbst. Willst du das Geld aber einfach auf Einmal haben, um damit z.B. eine große Reise zu machen oder dein Traumauto zu kaufen, findet das der Staat nicht gut, weil er möchte, dass du es für deine Altersvorsorge nutzt. Positiv ist aber, dass 30% als Einmalbetrag trotzdem entnommen werden dürfen, der Rest muss aber als lebenslange Rente ausbezahlt werden.

 

Welche Gründe würden denn für den Riester sprechen? Gibt es Vorteile?

Ja, natürlich! Das Wichtigste ist wohl wirklich, das Ganze erst einmal zu verstehen. Ist einem das gelungen, so kann man sich überlegen, ob die Vorteile reizvoll genug sind. Positivmerkmale sind z.B. unter anderem:

  • Geldgeschenk vom Staat: Stimmen die Voraussetzungen erreiche ich mit einem Aufwand von grob 100 € im Monat weitere 75 € zusätzlich als Förderung von Außen. Es gibt kein (seriöses) Produkt, dass diese enorme Finanzkraft aufweist. Sofern Riester grundsätzlich zum Leben passt, nimmt man dieses Geschenk sehr gerne an.
  • 100% Beitragserhalt: Durch diese Auflage wird dein fondsgebundener Riester zu einem hybriden Produkt, allein durch die äußeren Rahmenbedingungen. Oder anders gesagt: sollte die Wertentwicklung nicht wie angenommen ausfallen, gibt dir der Versicherer ein Mindestkapital, dass er dir garantiert. Das ist vor allem wichtig, wenn weniger im Topf ist, als eingezahlt wurde. Ist mehr drin, bekommst du natürlich mehr als das Minimum. Garantien sind vor allem auch etwas für das gute Bauchgefühl, weil man ja sicher auch andere Sparanlagen hat, bei denen dir niemand eine Garantie gibt.
  • Lebenslange Rente: Es gibt da einen Begriff, der sich "Langlebigkeitsrisiko" nennt. Durch die Auflage, eine lebenslange Rente vom Riester ausbezahlt zu bekommen, ist der Versicherer dir dann aber auch verpflichtet, einfach immer weiter zu zahlen. Auch, wenn in der Theorie nichts mehr im Topf verfügbar ist, muss dir die Rente weiter bezahlt werden. Das ist dann das Risiko, das der Versicherer eingeht. Wenn man bedenkt, dass man auch im Rentenalter noch Bewirtschaftungskosten für das Eigenheim, Essen, Auto und eben die Kosten des alltäglichen Lebens hat, ist eine lebenslange Rente sicher eine gute Beimischung zu Einmal-Auszahlungen aus anderen Geldanlagen.
  • Vertragsguthaben ist insolvenzsicher und wird nicht zum verwertbaren Vermögen von Hartz IV gerechnet. Auch das ist nicht unbedingt selbstverständlich und daher einfach mal erwähnenswert.
  • 30% des Guthabens sind zu Rentenbeginn als Einmal-Auszahlung entnehmbar. Du kannst zu Rentenbeginn 30 % deines Guthabens förderunschädlich herausnehmen. D.h. von z.B. 100.000 Euro kannst du auch sofort 30.000 Euro entnehmen, ohne dass du die Förderung oder Steuervorteile zurückzahlen musst. D.h. der Staat drückt für diesen Teil mal ein Auge zu und du musst dann nur den Rest als lebenslange Rente umwandeln.
  • Rentenbeginn kann auch früher sein: Frühester Rentenbeginn bzw. Riesterbezugsstart ist ab dem vollendeten 60. bzw. 62. Lebensjahr (je nach Vertragsabschluss) möglich. Wer zielstrebig und ausreichend privat vorsorgt, dem gelingt auch sicherlich der Ausstieg vor 67 oder vielleicht ja sogar 70.
  • Förderung für das Eigenheim nutzbar, (kein Abschluss eines extra-Wohnriesters nötig): Der Staat sieht dein Eigenheim, indem du selbst wohnen möchtest, auch als deine Altersvorsorge an. Daher kannst du das angesparte Geld in deinem Riester Vertrag auch dafür verwenden. Je nach Lebensphase und wie viel bereits angespart wurde kann man das gleich machen oder z.B. erst dann, wenn z.B. nach 20 Jahren der Kredit ausläuft und man den Rest durch weitere Eigenmittel abbezahlen will. Auf jeden Fall eine schöne Möglichkeit den Staat an den Kosten für das Eigenheim zu integrieren.

 

Was kann ich noch tun um mir 2021 die Förderung zu sichern?

Bevor du  dir etwas sicherst, wäre der erste Schritt einmal auszurechnen, ob sich ein Riester für dich persönlich überhaupt lohnt!

 

Ist das der Fall, empfehle ich zeitnah zu handeln, da wir nicht wissen, ob wir überhaupt bis 12.12. diesen Jahres noch alle guten Versicherer zur Auswahl haben. Eile ist also geboten.

 

Abschließende Worte

Ja, Riester ist komplex, verwirrend, das Thema birgt viele Missverständnisse und ein gewisser Druck von außen ist mit Sicherheit für niemanden förderlich. 

Riester kann aber auch unglaublich spannend sein, besonders wenn man sieht, wie große die Unterschiede (z.B. Kosten sein können) und wie wichtig dann eben auch ein guter Tarif ist. Ich hoffe, der Artikel hat dir gefallen und konnte dir sowohl die negativen, als auch die positiven Seiten etwas näher bringen?

 

eure Andrea

#Nerdfinanz